Franz Riegel
NDR1 Kulturjournal
Ein Gangesbefahrer, Bootskonstrukteur, ein in Bayern geborener Abenteurer siedelt im Mecklenburgischen Klein Markow. Da, wo mehr Schwalben und mehr Rapsfelder als Menschen über die Landschaft verteilt sind, da wo die Idylle einsam ist. Im Osten, das hatte jemand zu Franz Riegel gesagt, leben die armen Leute, die Künstler und die Umstürzler.
Das war perfekt. Das hat genau für mich gepasst.
Seit 2004 lebt Franz Riegel in Klein Markow bei Teterow, im wilden Osten, wie er sagt. Das heruntergekommene ehemalige Inspektorenhäuschen ist heute ein weiß geschlämmtes Kleinod, und die Hecke davor verrät den vorsichtig rebellischen Geist. Statt akkurater Kanten gibt es hier sanfte Mecklenburger Wellen.
Sein Geld verdient der 57jährige als Werbefachmann, daneben schreibt er Geschichten und entwirft fotografische Bilder. Ja, er sei ein Künstler, der sich die Berufsbezeichnung „Pixelmaler“ selbst gesucht hat. Das Thema des neuen Mecklenburgers ist ein nahe Liegendes:
Bei mir geht es um die Heimat. Ich habe die Heimat eher als Mangel erlebt. Ich war mein ganzes Leben unterwegs, als Abenteurer und Journalist, und habe versucht, genau hinzusehen. Als ich dann nach Klein Markow ging, habe ich es genauso gemacht. Das war meine spannendste und auch die gefährlichste Reise, es hätte schief gehen können.
Dass es nicht schief ging, kann man erleben, wenn die skurrilen Typen, die in Franz Riegels Geschichten auftauchen, plötzlich im Garten auf dem Klappstuhl ganz real hinter einem sitzen. Riegel schreibt über Butterpreiserhöhung und die Airforce One, die über Klein Markow kreist, und gewinnt damit schon mal den Schweriner Schreibwettbewerb, wie im letzten Jahr. Auf seinen Fotos tragen Kühe indische Schriftzeichen auf der Stirn, manchmal ist das Kleine in den Bildern und Geschichten von Franz Riegel ganz groß. Manchmal ist das scheinbar Reale erdacht, und nie weiß der Zuhörer, wo beginnt die Wirklichkeit. Riegel ist Künstler ohne wehenden weißen Schal, und dass seine Hände zupacken können, hat ihm schon bei Umbau seines Hauses im Dorf Respekt eingetragen.
Am Anfang waren die Leute eher verhalten, aber freundlich. Dann haben sie gesehen, dass ich von morgens bis abends geschuftet habe. Mir war das ganz wichtig, weil ich wusste, ich muss im Dreck wühlen, das ist meine einzige Chance. Wenn ich hier angekommen wäre, in diesem wilden Landesteil, und hätte ein fertiges Haus vorgefunden, das hätte ich nicht verkraftet.
Aber Eines, das nervt schon an der einsamen Idylle.
Manchmal fehlt mir die Auseinandersetzung. Dann weiß ich nicht genau, wo ich stehe, weder mit meinen Texten noch mit meinen Bildern. Manchmal fühle ich mich wie der größte Künstler in ganz Mecklenburg, und wenn ich etwas fertig habe, und das lese, dann bin ich so happy, dann fühle ich mich so glücklich. Und dann kann es passieren, dass ich am nächsten Tag davor stehe und denke: was machst du hier überhaupt? Was ist mit deinem Kopf los?
Aber schon rückt er den Strohhut wieder gerade, lächelt verschmitzt, und ist sich seiner Sache als Künstler in diesem Moment wieder ganz sicher:
Spielen, albern sein, und Dilettant sein. Das ist es.
Beitrag im NDR1 Kulturjournal am 7. Mai 2008 von Lenore Lötsch
Franz Riegel, geboren 1951 in Altötting, Bayern, zieht schon früh in die Welt. Er taucht drei Mal in den Gangesquellen unter, paddelt vom Hohen Atlas in die Sahara, radelt quer über den Sinai und lebt bei den Katumaram-Fischern in Sri Lanka. Über seine Abenteuer berichtet er als Fotojournalist, wird Redakteur und gründet 1987 die Werbeagentur power-riegel.de.
Er entwickelte einmal für sich selbst ein Boot - das später auch für andere in Serie ging. Er suchte auf der Weltkarte Flüsse, die nie zuvor ein anderer befahren hatte, und befuhr sie allein oder im Team durch Stromschnellen und Untiefen. Die Kamera war immer dabei, auch Heft und Bleistift. Die dabei enstandenen Fotos sind spektakulär. Die Texte vertiefen, illustrieren Erfahrenes. In Multimediashows sowie als Veröffentlichung in Reisezeitschriften, Katalogen und Büchern wurden seine Texte und Fotografien einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
In seinen früheren Arbeiten haben Wüsten und Wasser immer eine grosse Rolle gespielt. Jetzt ist er in Ostmecklenburg gestrandet. Hier sind es weite Felder, hohe Himmel, plastische Wolkenformationen, knorrige Bäume und verfallene Gehöfte, die den Blick auf sich ziehen und von Franz Riegel mit der Kamera aufgespürt werden.
Durst ist schlimmer als Heimweh
Nun war ich also irgendwo in Mecklenburg gestrandet, fast schon in Vorpommern, aber nur fast. Ich saß auf einem Pferd, das mir viel zu groß war, am Rande der Welt. "Im Osten wohnen die armen Leute, die Künstler und Umstürzler", hatte man mir versprochen, aber ich hatte nur das große Pferd, einen Ziegenbock und die Katze Gitane, die mir von Bayern in den wilden Osten gefolgt war. Irgendetwas musste ich tun...





