Eine Kuh für Klein Markow

Eine Kuh für Klein Markow

„Hamsterkäufe lassen Butter knapp werden“, titelte der Ostkurier, „die steigenden Milchpreise hinterlassen Spuren in der Region“.
„Wie sehen Milchpreisspuren aus?“, überlegte Herr Xaver, der bayerische Pixelmaler, den es nach Klein Markow verschlagen hatte, als es an der Türe klopfte. Draußen stand Hugo. „Hast du schon gehört, die Butter wird knapp? Darüber wollte ich dir Bescheid geben, man muss sich beeilen, Netto gibt nur noch zehn Stück ab“.
„Ich habe es gerade gelesen“, sagte Herr Xaver, „der Einkaufspreis von Magermilch ist von 18 auf 36 Cent hochgeschnellt“.
„Milch is nich das Problem“, sagte Hugo, „bei der H-Milch bleibt alles beim Alten, aber Butter kostet morgen doppelt so viel, haste nich gelesen: Milchboom treibt die Preise. Aber nu muss ich los. Wir sehn uns ja zun Kaffee heute“.

Herr Xaver saß bereits am Geburtstagstisch, als Frau Siebenhaar durch das Gartentor trat. „Mein Mann kommt später“, sagte sie und rollte die Augen, „er ist Butter kaufen.“
„Hugo auch“, sagte Anita, „bei Netto is schon ausverkauft, jetzt versucht er es bei Liddl“.
„Dann darf Hugo in Zukunft nur noch dünn Butter auf die Pellkartoffel tun“, sagte Herr Xaver.
„Was redest du über mich?“, fragte Hugo, der mit einem Karton vor dem Bauch durch die Gartentür kam.
„Dass du nur noch dünn Butter auf die Kartoffeln bekommst“, sagte Herr Xaver.
Ich hab genug Butter“, sagte Hugo, „hilf mir lieber mal bein Ausladen, der Dr. Siebenhaar ist auch schon da.“
In diesem Moment sah Herr Xaver das Bild der Milchpreisspuren. Wie Ameisen fuhren Hugo, Dr. Siebenhaar, Rocco, Guido und Maik in ihren klapprigen Autos über Land, von Netto zu Aldi, von Aldi zu Liddl, und von Liddl zu Norma, schleppten Butterstücke heraus und stapelten sie in ihren Klapperkisten.
„Ja. Man müsste die Verantwortlichen fragen, wer genau die Leute sind, die ihre klebrigen Finger im Portemonnaie der Verbraucher haben“, sagte Dr. Siebenhaar, „außerdem habe ich schon immer gesagt, dass es falsch ist, Korn zu verbrennen. Und was musste ich hören? Neue Zeiten verlangen neue Lösungen und schlimmeres. Na ja, zwar schiebt man es auf die Chinesen und auf die Inder, die neuerdings angeblich auf den Geschmack von Milch gekommen sind, aber ich sage noch einmal: Korn geht zu Brot und nicht in den Ofen. Wer Korn verbrennt, darf sich nicht wundern“. Der studierte Agronom, der seit der Wende in Rente war, zog einen Kamm aus der Tasche und fuhr sich durch das gewellte silbergraue Haar.

„So, nu is aber genug mit all die Politik“, sagte Anita, „Hugo schenk Kaffee nach.“
„Ja. Na ja, eines möchte ich noch erwähnen“, sagte Dr. Siebenhaar, „die heute erfolgten Preiserhöhnungen sind lediglich eine logische Konsequenz des an sich normalen Verhaltens der Lebensmittelerzeuger. Und nun wollen wir einen Toast auf das Geburtstagskind aussprechen, ich nehme einen Eierlikör.“
Anita schenkte aus, nur Hugo, der vor vielen Jahren das Trinken gehabt hatte, stieß mit der Kaffeetasse an.
„Jetzt, da die Butter so teuer ist, solltest du dir eine Kuh halten“, sagte Herr Xaver“.
„Du weißt doch nich mal ne Kuh zu melken“, lachte Hugo meckernd.
„Ich muss nicht melken können“, gab Herr Xaver beleidigt zurück. Ich kann mir Milch kaufen soviel ich will, und dick Butter für die Kartoffeln habe ich auch.“

Frau Siebenhaar fragte nach dem Rezept der Sahnetorte. „Ein Pfund Quark, zwei Becher Sahne, ein viertel Pfund Butter …“ zählte Anita auf.
„Wenn ich dünn Butter auf die Pellkartoffeln geben muss, is morgen mit so nen Geburtstagskuchen hier auch Schluss“, baffte Hugo.
„Ja. Na ja, dann wollen wir die Gunst der Stunde nutzen,“ sagte Dr. Siebenhaar, „könnte ich noch ein Stück von der Schokoladentorte bekommen?“
„Aber Emil, dein Cholesterin!“ rollte Frau Siebenhaar die Augen.
„Wenn du eine Kuh hättest“, sagte Herr Xaver, „dann könnte deine Frau weiter so leckeren Kuchen backen. Genügend Land hast du doch“.
„Ja, na ja. Heutiges Tiermaterial gibt 4000 Liter Milch, das kann Hugos Haushalt nicht verbrauchen“, sagte Dr. Siebenhaar, Hugo müsste sich eine Kuh mit geringer Milchleistung anschaffen“.
„Ich will keine Kuh“, sagte Hugo, „und so ne Billigkuh schon gar nicht, ich habe genug an den Dr. Siebenhaar seine Hühnerkrüppel“.
„Na, dann musst du weiterhin die Pellkartoffeln mit ganz dünn Butter essen“, sagte Herr Xaver.
„Du mit dein Land un mit dein Stall! Kommst aus’n Westen rüber, lässt annere für dich schuften und sitzt selber auf deine Veranda und saufst Weißbier“.
„Hugo, nu mach aber halblang“, sagte Anita. Und nun erzählte sie, dass die Arbeitsagentur Hugo aufgefordert hatte, sein Grundstück zu verkaufen.
Ab 01.03. wurden Ihnen Leistungen zur Sicherung des Lebensunterhaltes als Darlehen bewilligt, da sie über Grundstücksvermögen verfügen. Dazu wurden Sie am 11.04. und 26.09. beauflagt, das Grundstück zu veräußern und die Bemühungen dazu nachzuweisen. Nach den mir vorliegenden Unterlagen haben sie die Überzahlung verursacht. Über Ihre Pflichten als Leistungsempfänger sowie über die Tatbestände, unter denen die Anspruchsvoraussetzungen wegfallen, sind Sie durch das Merkblatt für Arbeitssuchende unterrichtet worden.
So stand das im Schreiben von der Agentur für Arbeit, und unterm Strich bedeutete das, dass Hugo keine Hartz IV mehr bekam 526,80 Euro zurückzahlen musste. Denn wer mehr als achthundert Qudratmeter Grund besaß, musste diesen verkaufen, von dem Erlös leben, erst dann wurde er wieder unterstützt. Aber dann besaß er nichts mehr. Keinen Kartoffelacker, keinen Gemüsegarten und keinen Platz für die Hühner.
„Ich verkauf mein Land nich“, sagte Hugo, „nich an West-Agrar, und nich an dich. Dat is wie mit die Kuh. Jeder bekommt sein Teil, nur ich bekomm den Schwanz und da hängt noch die Scheiße dran“.

„Ich kenn mich mit Kühen nicht aus“, sagte Herr Xaver, „aber wenn eine ganze Kuh für Dich zu viel ist, dann kaufen wir uns zusammen eine. Ist ja nur so ne Idee.“
„Nu hör aber uff“, bölkte Hugo. „Du redest auch nich anners als die verdammten Parteibonzen, die anno 56 zu mein Vater aufn Hof kamen und fragten, ob er für `n Frieden ist. Und natürlich war mein Vater für `n Frieden“.
„Ja. Wir waren doch alle für den Frieden damals“, redete Dr. Siebenhaar dazwischen.
„Und was haben die Parteibonzen gesagt? Dann stärkst du die Leistungsfähigkeit der DDR, und wirst Mitglied inne LPG. Und über Nacht waren wir Typ 3, dat Russenmodell, und waren nun alle Millionäre. Un nu kommst du un willst wegen die Kuh mein Boden mit dein Boden zusammenlegen, aber ich geb mein Boden nich her“. Hugo lehnte sich in seinem Campingstuhl zurück und guckte triumphierend.

„Melken ist kein Problem“, sagte Anita.
„Ich kann auch melken“, sagte Frau Siebenhaar.
„Im langfristigen Trend werden sich die Milchpreise nach oben bewegen“, zitierte Herr Xaver den Ostkurier.

Zu Hause angekommen malte er eine Kuh. Sie hatte ein verdrehtes und ein verkrüppeltes Horn und große, sanfte Augen. Herr Xaver malte ihr rote und gelbe Streifen auf die Stirn, dass sie aussah wie die heiligen Kühe in Indien, und über dem Kopf der Kuh schwebte, wie ein Heiligenschein, eine weiße Wolke, so dass Herrn Xavers Kuh aussah wie Resi von Weihenstephan.
Ein paar Tage später, als Frau Siebenhaar frische Eier brachte, zeigte ihr Herr Xaver das Bild.
„Ich glaube, eine Gemeinschaftskuh für Klein Markow ist eine gute Idee,“ sagte Frau Siebenhaar.
„Dann darf ich Sie als Erste in das Bild hineinmalen?“
„Mich und meinen Mann auch, dem kann man gar nicht genug Milch geben“. Dann kam Anita an die Reihe, sie saß auf dem Melkschemel und trug die Plakette, die sie als beste Handmelkerin Mecklenburgs auswies, und als letzter ließ sich Hugo in das Bild malen. Er hatte seinen Hochzeitsanzug angezogen und stand am Ende der Kuh, neben dem Schwanz.